Die Augsburgerinnen und Augsburger haben am 8. März gewählt. Die Partei der vielen Beine ist leider nicht im Stadtrat vertreten. Die Menschen haben sie schlichtweg ignoriert. Jetzt gilt es, sich mit Gleichgesinnten zu verbünden. Es bietet sich das Augsburger Nachhaltigkeitsnetzwerk an – die Lokale Agenda 21.
Summ, summ, Vorhang auf! Die »LIGA für Insektenrechte« spielt. Ein Podcast in einfacher Sprache. Eine Produktion von Transition Town Augsburg mit Rückenwind von Pareaz, der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern und der Lokalen Agenda 21.

Diese Hörspielreihe wurde gemeinsam mit kognitiv beeinträchtigten Menschen sowie Menschen mit geringen Deutschkenntnissen produziert. Mitwirkende waren: Alime, Angelika, Awaz, Jürgen, Chrissie, Elias, Gerald, Holger, Maria, Margit, Marion, Michaela, Norbert, Peter, Reiner, Susanne, Tine, Wulla, die Künstlergruppe KLONK und Millionen von Insekten.
Transkript
Guten Morgen, Insekten! Guten Morgen, ihr Menschen da draußen! Die Insekten vom Augsburger Prinsplatz sind unterwegs zum Rathaus. Sie wollen mitentscheiden, denn auf die Menschen allein ist kein Verlass.
Der Sommer in Augsburg wird trocken. Zu trocken. Das wissen wir jetzt schon. Die Ameisenkolonien ziehen sich tief in die Ritzen der Pflastersteine zurück. Und selbst die sonst so unermüdlichen Bienen wirken nervös. Doch das eigentliche Problem liegt nicht im Wetter. Es liegt im Rathaus.
Die Augsburgerinnen und Augsburger haben am 8. März gewählt. Die Partei der vielen Beine, ein Zusammenschluss aus Bienen, Käfern, Wespen, Nachtfaltern und einigen strategisch denkenden Spinnen, ist leider nicht im Stadtrat vertreten. Die Menschen haben euch schlichtweg ignoriert.
Das ist richtig. Wir haben also keinen direkten Zugang zur Macht.
Und nun?
Ich habe mich als Umweltreferent beworben.
Aha, das würde ja passen. Wie wird man Umweltreferent?
Darüber hat mir Rainer Erben Auskunft gegeben. Hören wir mal rein.
Also grundsätzlich, man kann sich bewerben. Ich bin zwar vorgeschlagen von den Grünen und von der Koalition. Letztendlich wird in geheimer Abstimmung, muss ich eine Mehrheit des Stadtrates hinter mich kriegen. Man muss schon eine Qualifikation haben, das heißt Universitätsabschluss. Und man muss nachweisen können, dass man Erfahrung hat mit Personalführung. Also das ist nicht so ganz leicht. Wenn jemand viel Erfahrung hat im Umgang mit der Umwelt, mit Klimaschutz und mit Naturschutz, dann ist das schon mal gut, aber die Qualifikation würde nicht ausreichen. Und da hatte ich wirklich das Glück auch, dass ich viele Menschen in dieser Verwaltung kennengelernt habe, die fachlich hochqualifiziert sind und die gemeinsam mit mir, sogar mit den Zielen, die ich habe, gemeinsam Umweltpolitik in dieser Stadt machen wollten.
Und war deine Bewerbung dann erfolgreich? Du hast ja die Qualifikation.
Hab nicht aus dem Rathaus gehört. Inzwischen ist der Zug abgefahren und sie haben einen anderen genommen.
Das heißt, ein neuer Plan muss her.
Ja, wir müssen Umwege gehen und zwar in zwei Richtungen. Die erste Möglichkeit heißt ziviler Ungehorsam.
Das klingt interessant. Was fällt dir dazu ein?
Präsenz zeigen und Abhängigkeit sichtbar machen. Nicht als charmante Naturkulisse, sondern als Störung. Wir legen Ameisenstraßen gezielt über Kaffeeterrassen genau zur Mittagszeit. Wespen erscheinen nicht zufällig bei süßen Getränken. Sie koordinieren ihre Anflüge. Fliegen setzen sich in Gruppen auf frisch servierte Speisen. Bienen verringern gezielt ihre Bestäubungsaufgabe in bestimmten Stadtteilen, sodass die Folgen schnell messbar sind.
Song: Mittagshitze
Mittagshitze, Tische voll, Gespräche laufen glatt
Porzellan klirrt leise, alles wirkt geschniegelt satt
Doch unter euren Füßen zieht sich eine Linie
Schwarz und unaufhaltsam – keine Idylle, keine Folie
Ameisen auf dem Pflaster, exakt zur besten Zeit
Nicht zufällig, nicht leise – sondern Koordination und Streit
Ihr nennt es Störung, wir nennen es ein Zeichen
Dass eure Ordnung beginnt, uns auszuweichen
Wir waren immer da, doch ihr habt uns nie gesehen
Jetzt lernt ihr zu verstehen
Wir sind nicht Dekor in eurem schönen Bild
Nicht das Summen, das euch sanft umhüllt
Wir sind die Lücke, wenn etwas fehlt
Der Moment, in dem sich alles anders wählt
Präsenz heißt Druck, und Druck heißt Macht
Wir haben euch längst abhängig gemacht
Wespen im Glas, nicht zufällig am Rand
Sie fliegen in Mustern, wie geplant, wie gebannt
Süße Getränke werden zum Schlachtfeld erklärt
Ein stiller Beweis, dass ihr uns nicht kontrolliert
Fliegen auf Tellern, in Wellen gesetzt
Kurz nur gelandet, doch Wirkung vernetzt
Ihr wedelt, ihr flucht, ihr verliert die Geduld
Doch Chaos ist hier keine Laune – es ist unsere Schuld
Kein Fehler im System, wir sind das System
Das ihr nie ernst genommen habt, jetzt unbequem
Wir sind nicht Dekor in eurem schönen Bild
Nicht das Summen, das euch sanft umhüllt
Wir sind die Lücke, wenn etwas fehlt
Der Moment, in dem sich alles anders wählt
Präsenz heißt Druck, und Druck heißt Macht
Wir haben euch längst abhängig gemacht
Und irgendwo zwischen Beton und Glas
Hört ein Garten plötzlich auf zu blühen
Kein Zufall, kein Wind, der das vergaß
Sondern wir, die einfach weiterziehen
Bestäubung wird weniger, still und gezielt
Ein Viertel nach dem andern verliert, was es hielt
Weniger Früchte, weniger Leben im Beet
Ein Rechnen beginnt, das ihr plötzlich versteht
Bienen verschwinden aus Straßen und Höfen
Und Zahlen ersetzen das naive „Wir hoffen“
Erträge sinken, Statistiken schreien
Was ihr verdrängt habt, lässt sich nicht mehr verneinen
Wir sind nicht Dekor in eurem schönen Bild
Nicht das Summen, das euch sanft umhüllt
Wir sind die Lücke, wenn etwas fehlt
Der Moment, in dem sich alles anders wählt
Präsenz heißt Druck, und Druck heißt Macht
Wir haben euch längst abhängig gemacht
Keine Kulisse mehr, kein leiser Applaus
Wir treten aus dem Hintergrund raus
Nicht niedlich, nicht fern, nicht leicht zu verdrängen
Wir sind die Bedingung in euren Zusammenhängen
Das ist simpel und effektiv. Wann wird es den Menschen dann schon dämmern? Aber gibt es noch direktere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen?
Der zweite Weg. Die Stadt hat sich ein Programm gegeben, das heißt Kooperative Stadt.
Oh je, klingt kompliziert.
Ist aber simpel. Die Bürgerinnen sollen aktiv mitwirken können. Und Politik und Verwaltung wollen auf Vorschläge hören, die von ihnen kommen.
Na, das hört sich ja doch super an. Auf welchen Wegen gelangt die Vorschläge an die, die entscheiden?
Zum Beispiel gibt es die lokale Agenda 21. Das Nachhaltigkeitsnetzwerk.
Erklär mal nachhaltig.
Nachhaltig bedeutet, so zu leben und zu handeln, dass auch in Zukunft noch genug für alle da ist. Stell dir vor, du fängst nur so viele Fische, wie sich wieder vermehren können. Gleichzeitig sorgst du dafür, dass das Wasser sauber bleibt und die Fische genug Nahrung haben. Dann bleiben immer Fische im Teich, auch in Zukunft. Genau das ist Nachhaltigkeit. Du nutzt etwas nur so stark, dass es sich selbst wieder erneuern kann.
Aber wie zeigt sich das im Alltag?
Es geht um vier wichtige Bereiche. Umwelt. Die Natur schützen, also Luft, Wasser, Tiere und Pflanzen nicht kaputt machen. Wirtschaft. Dinge so herstellen und nutzen, dass sie lange halten und nichts unnötig verschwendet wird. Soziales. Fair mit anderen Menschen umgehen, damit alle gut leben können. Und die Kultur zeigt, wie wir sind und wie wir zusammen leben. Wenn du in ein anderes Land reist, merkst du schnell, die Menschen essen andere Dinge, feiern andere Feste oder sprechen anders. Das ist ihre Kultur.
Zurück zu dem Nachhaltigkeitsnetzwerk. Wie kann das zu einer kooperativen Stadt beitragen und Einfluss auf die Stadtpolitik nehmen?
Dazu hören wir am besten Norbert Stamm. Er leitet das Büro für Nachhaltigkeit von der Stadt und erklärt:
Es gibt viele Arbeitsgruppen in Augsburg, wo viele Menschen sich engagieren, die was zur nachhaltigen Entwicklung der Stadt und der Welt beitragen wollen. Also theoretisch könnten auch der Geldkäfer und seine Freunde auch so ein Agenda-Forum sein. Da müssten sich eigentlich menschliche Freunde suchen, die mit ihnen zusammen dann eine Gruppe bilden und eben das Thema zum Beispiel jetzt mehr Artenschutz, mehr Vielfalt, pflanzliche, tierische Vielfalt einbringen in den Prozess. Die Arbeitsgruppen treffen sich einmal im Monat und dann kommt auch das Büro für Nachhaltigkeit dazu. Das Büro für Nachhaltigkeit ist eine Stelle in der Stadtverwaltung und die hat ein paar Finanzmittel und kann auch in die Stadtverwaltung hinein arbeiten, also die anderen zuständigen Stellen, die interessanten Stellen im Botanischen Garten oder im Umweltamt oder im Bereich Verkehr. Die kann die kontaktieren und weiß, wie man das am besten macht, wenn man da bestimmte Anliegen hat. Also wäre es gut, wenn die Gelbrandkäfer und die Leute, die sich für eben mehr Umweltrechte einsetzen, da in den Prozess kommen und dann können sie unterstützt vom Büro für Nachhaltigkeit ihre Anliegen da einbringen. Bei den Foren sieht das so aus, dass die Foren eigentlich selber arbeiten müssen. Also die brauchen irgendwelche coolen Projektideen, wie zum Beispiel eure Insektenparade. Das sind so Sachen und die können dann ein bisschen unterstützt werden finanziell im Rahmen des Agenda-Prozesses.
Das wäre das eine. Und dann gibt es aber noch den Nachhaltigkeitsbeirat. Der Nachhaltigkeitsbeirat, da sind so die großen Institutionen der Stadt drin. Also da ist zum Beispiel die Universität drin oder da ist die Tür an Tür drin oder die Werkstatt Solidarische Welt und das Bistum Augsburg und die Gewerkschaften sind da drin und die Handwerkskammer und ganz viele andere Institutionen noch. Und da gibt es für den Umweltbereich schon einige Institutionen im Beirat. Und da wäre es, glaube ich, ganz schlau, wenn der Gelbrandkäfer und seine Freundinnen und Freunde sich mit denen zusammentun, die im Beirat sowieso schon sich für sie und ihre Anliegen einsetzen. Also da ist zum Beispiel der Bund Naturschutz drin hier in Augsburg. Die sind sehr aktiv. Dann ist Greenpeace da drin, das kennst du ja wahrscheinlich. Die sind ja bundesweit und weltweit aktiv. Dann sind da Fridays for Future drin und zum Beispiel der Umweltbeauftragte der Evangelischen Kirche hier in Augsburg.
Ich habe eine Idee für eine Empfehlung an den Stadtrat.
Aha, welche?
Die sollen doch mal vorschlagen, dass es ein Böllerverbot an Silvester gibt. Menschen und Tiere geraten jedes Mal in Panik, wenn es wieder losgeht. Und erst der Feinstaub, der dabei entsteht, nimmt uns die Luft zum Atmen.
Also der Nachhaltigkeitsbeirat, der darf Empfehlungen an den Stadtrat richten. Also wenn der sich einig ist, dann kann der ein Thema, zum Beispiel, da ging es dann um die Einführung von Recyclingpapier oder wollen wir Fairtrade-Stadt werden? Oder jetzt ging es darum, der Vorschlag, dass es doch einen Reparaturbonus gibt, also dass Leute, wenn sie ihre Elektrogeräte reparieren lassen, bis zu 50 Euro Zuschuss bekommen zu ihrer Rechnung. So Empfehlungen kann der Nachhaltigkeitsbeirat ausarbeiten und die werden dann eingebracht in den Stadtrat oder in die Verwaltung.
Song: Dreißig Jahre Zukunft
Dreißig Jahre Stimmen im Raum
kein kurzer Trend, kein flüchtiger Traum
Lokale Agenda 21 Augsburg wächst hier gemeinsam
aus vielen Fragen wird ein Reim
Menschen aus Stadt und aus Verein
Wissenschaft, Kirche, Wirtschaft, vereint
Verwaltung hört, und Forschung spricht
und alles sucht ein gemeinsames Gewicht
Nicht einer denkt hier allein voraus
Zukunft entsteht im ganzen Haus Refrain
Wie soll Augsburg morgen sein?
Nicht groß allein, sondern sinnvoll fein
nachhaltig, klar und zukunftsbereit
gebaut aus gemeinsamer Zeit
Ein Netzwerk, das zusammensteht
wenn Stadt sich selbst neu weiterdreht
nicht oben nur, nicht unten nur
sondern als geteilte Spur
Umweltgruppen, Eine-Welt-Blick
bringen Fragen ins Gefüge zurück
Bildung, die nicht im Klassenzimmer bleibt
sondern durch die Straßen schreibt
Projekte wachsen, Schritt für Schritt
nicht perfekt, doch alle gehen mit
Materialien, Hand gemacht
aus Denken, das Verantwortung entfacht
Und Beiräte, die Empfehlungen geben
an Stadtrat und Verwaltung im Leben
nicht Befehl, sondern Resonanz
im Prozess der Relevanz
Was hier entsteht, ist kein Dekret
sondern ein Weg, der weitergeht
Wie soll Augsburg morgen sein?
Nicht groß allein, sondern sinnvoll fein
nachhaltig, klar und zukunftsbereit
gebaut aus gemeinsamer Zeit
Ein Netzwerk, das zusammensteht
wenn Stadt sich selbst neu weiterdreht
nicht oben nur, nicht unten nur
sondern als geteilte Spur
Kooperativ ist nicht nur Wort
es ist die Art, wie Stadt geht fort
systemisch denken, ganzheitlich sehen
und trotzdem konkret im Tun bestehen
Transparent, damit man versteht
wie jede Entscheidung weitergeht
beteiligt, nicht nur eingeladen
sondern wirklich mitgetragen
Und so wird aus „Wie?“ ein gemeinsamer Plan
kein fertiges Ziel, sondern ein Anfang daran
die Stadt als Frage, die offen bleibt
und sich mit jeder Stimme neu beschreibt
Wie soll Augsburg morgen sein?
Nicht starr, nicht laut, nicht nur allein
sondern lebendig, wach und klar
weil viele Hände Zukunft war
Dreißig Jahre – und es geht weiter fort
in jedem Projekt, in jedem Wort
Lokale Agenda 21 Augsburg bleibt in Bewegung
als Netzwerk für die Stadtentwicklung.
Der Schutz von Insekten ist bei der Lokalen Agenda 21 kein Nebenthema. Vielmehr ist das ein wichtiger Teil davon eine Stadt zu planen, in der Menschen und auch Insekten in Zukunft gut und gesund leben können. Es lohnt sich, dort mitzumachen?
Ja, auf jeden Fall.