In der ersten dreiviertel Stunde geht es um Inklusion allgemein. Lina und Susanne probieren ein Hör-Memory aus. Später kommt Miriam Artmann hinzu. Sie berichtet von dem Audioprojekt „Walk off Fame“, bei dem es um die Augsburger koloniale Vergangenheit geht. Auf der Strecke vom Rathausplatz zum Park am Roten Tor hört das Publikum über Kopfhörer Texte, die die andere Seite der glänzenden Medaille der Augsburger Vergangenheit nachzeichnen. Welche koloniale Spuren finden sich in Augsburgs Stadtbild? Oft Ungehörten wird eine Stimme gegeben, wahr geglaubte Lügen entlarvt und eingeprägte Denkmuster entkrustet. Die Route führt an Orte, an denen die glanzlose Vergangenheit und Gegenwart kolonialistischen Denkens und Handelns sichtbar werden. Der Blick richtet sich nicht nur zurück: Es geht auch um unserem zukünftigen Umgang mit dem kolonialen Erbe. Gemeinsam mit dem Publikum wird eine neue, reflektierte, verantwortungsbewusste Augsburger Geschichte geschrieben – der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Konzeption: bluespots productions und postcolonial realities | Text: Miriam Artmann, Kristina Beck, Leonie Pichler, Hanna Ruth, Katharina Taxis, Rebekka Utesch und viele Menschen mit ihren eigenen Geschichten. Der postkoloniale Audiowalk ist verfügbar in der App storydive: get.storydive.de.
Transkript
Fehler oder Fehla? Das ist doch ein Fehler! Das wissen wir spätestens 2023. Ah, ich glaube da ist der 125. Geburtstag von Brecht.
Oder was ist da noch? Ja, willkommen beim Hörwerk, bei unserem Mittagstalk über Kunst und Kultur in unserer Region. Wir wollen uns ja mal in unserer Sendung ansehen, was es mit Inklusion und Vielfalt hier auf sich hat. Also wie betrachten wir die Kunst und Kultur, wie gestaltet sich die, wie ist die inklusiv oder vielfältig? Hi, ich bin hier zusammen mit Lina.
Hallo, Lina Mann. Hallo, Susanne. Okay, ja, Fehler Kuti, oder? Freuen wir uns schon riesig drauf, oder? Freuen wir uns riesig.
Ja, wir haben uns auf die heutige Sendung sehr gefreut. Aber unser Studiogast ist leider krank geworden. Und ich fange jetzt nämlich damit recht an und dann sagt euch die Susanne noch mehr, was das mit dem Fehler Kuti auf sich hat.
Ja, mach nur einen Plan und sei ein großes Licht. Und mach auch noch einen zweiten Plan, den tun sie beide nicht. Aber wir hoffen, dass der zweite Plan, den wir uns jetzt heute ausgedacht haben, gelingt.
Und freuen uns auf euch, auf die zwei Stunden mit euch. Es gibt ja noch einen anderen Studiogast, gell? Ja, die zweite Stunde, da sagen wir später noch was.
Fehla Kuti. Hinter dem Namen steckt ja Julian Warner. Und er ist ein Münchner Musiker, Dramaturg, Kulturanthropologe. Muss ich mal nachgucken, was das genau ist. Wissenschaft von Menschen und Kultur. Sogar promoviert.
Ja, Doktor, Doktor, Doktor.
Naja, und den Namen Fehlerkuti, alias Julian Warner, hat er von einem DJ. Der hat gesagt, du schaust doch aus wie Fehlerkuti. Ja, wer ist denn Fehlerkuti gewesen? Ja, du, Fehlerkuti, den kenne ich schon vor ewigen Zeiten. Ich habe früher auch gerne mal Jazz gehört oder heute würde man es Weltmusik nennen. Weil Fehler, mit E-A, mit A hinten eben, der hat sozusagen den Afrobeat erfunden. Es war ein nigerianischer Musiker.
Und genau wie du sagst, als mal der Julian Warner auf der Bühne war, hat jemand gedacht, du siehst ja aus wie so eine Punkversion von diesem Fehlerkuti. Ja, und beide machen es ja heute, oder Fehler ist ja schon gestorben, aber beide haben politische Musik im Programm. Genau, der Fehlerkuti war auch politischer Aktivist und es gefällt mir gut, wenn er steht.
Er hat identitätspolitische Dissonanzen thematisiert und Grenzen überschritten. Und ich glaube, da können wir uns auch auf den Julian Warner alias Fehlerkuti freuen. Weil, was macht er denn 23? Du hast glaube ich viele drüber gelesen.
Ach du, also was halt in der Presse stand. Ja, er ist jetzt dann für drei Jahre Leiter des Brecht Festival, der künstlerischen Leitung. Ja, da freuen wir uns sehr.
Ich muss aber zu dem Fehlerkuti auch noch was sagen. Weil er wurde ja wirklich sehr verehrt in Afrika. In Europa ist er gar nicht so bekannt geworden.
Und seine Kombination aus Jazz und Funk und Westafrikanischer Tanzmusik, auch Folklore, mit dabei, also seines Volkes, das Yoruba-Volk, hat sich damit reingemischt. Und rebellische Texte natürlich. Und ja, also er hat sich schon mit den Nachthabern in Nigeria auch angelegt und landete auch immer mal wieder im Gefängnis.
Und das Volk liebte ihn. Und als er gestorben ist, war ein Auflauf von Menschen von einer Million, glaube ich, wenn ich das richtig gelesen habe. Und er hat ja diese Partei Movement of the People gegründet und wollte tatsächlich auch Präsident werden.
Das ist ihm dann natürlich nicht so ganz gelungen. Und das Rolling Stone Magazin hat mal gesagt, er ist der gefährlichste Musiker der Welt. Aber er hatte auch, muss man auch dazu sagen, schon eine negative, so eine Schattenseite.
Von ihm gab es auch in Nigeria, ich weiß nicht, ist das heute noch so, aber damals war es auf jeden Fall so, dass es nicht viel Ehe gab. Also Männer konnten mehrere Frauen heiraten und angeblich hatte er 27 Frauen. Und hat die, glaube ich, auch nicht ganz so gut behandelt.
Also von daher, ja. Er ist nicht sehr alt geworden, 59, und hätte übermorgen Geburtstag. Ach, tatsächlich? Hast du nachgeguckt? Ja, tatsächlich.
1938 geboren, jetzt müsste man wieder gut in den Kopf gerechnet sein. Susanne, du? Ach, nö, das räume ich jetzt nicht aus. Das dürfen die Hörer machen.
Und unser Feler Kuti hat ja jetzt auch eine neue Platte rausgebracht, ne? Ja. Wie heißt die jetzt nochmal? Haben wir da irgendwo stehen, oder? Hast du es irgendwo stehen? Jetzt finde ich es gerade gar nicht. Das liefern wir gleich noch nach.
Ach so, ja, mit Professional People. Genau. Und das Interessante ist auch, dass da wieder die No Twist Band auch mit dabei ist.
No Twist, eine Weilheimer Band, die ja auch so Brassmusik machen und in vielen Kombos immer mitspielen. Micha Archer zum Beispiel haben wir ja auch schon gespielt. Die Musik mit den Flugrädern, weißt du? Diese Geschichte.
Ah, ja, genau, genau. Ja, und der Julian Warn ist ja überall unterwegs, ganz deutschsprachigen Raum, überall. Aber ganz viel in München gerade mitbringen.
Naja, und gut vernetzt. Und da können wir uns echt, glaube ich, drauf freuen, was er als Musiker, aber auch natürlich als Dramaturg so mitbringt. Und wie das Brecht-Festival dann übernächstes Jahr dann aussieht.
Jetzt spielen wir mal eine Musik. Erstmal von Fela Kuti, All My Friends. Ist doch aus der neuen Platte, denke ich doch mal.
Genau. So, hier, Schokolade. Ja, Alina, dann erzähl doch mal, wen hast du denn heute eingeladen? Ja, ich habe jemand, und jetzt werden viele sagen, den kenne ich auch, nämlich Manuel Fernandes Rodríguez eingeladen.
Du kennst ihn ja auch, Susanne. Ja, also kennen ist zu viel gesagt. Ich habe früher mal, vor Jahren, bin ich öfter mal in das sogenannte Versorgungswerk gegangen.
Da gab es eine Kantine, die ganz gut kocht, haben die Leute da. Ich wohne da in der Nähe, also in der Morellstraße. Und Manuel arbeitet ja da.
Und so habe ich ihn mal in der Kantine kennengelernt. Wenn man am Tisch zusammensitzt und isst, dann unterhält man sich auch mal. Ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten, den man heute viel hätte fragen können und der viele Antworten gehabt hätte, denn er lebt ein vielfältiges Leben.
Und da sind wir jetzt wieder dabei. Meine erste Frage wäre gewesen, was bedeutet denn Inklusion für dich persönlich? Und da kann ich jetzt für ihn nicht antworten, aber ich kann nur das sagen, wie ich ihn erlebe. Er selber hat eine Sehbehinderung und ist überall mit dabei und macht überall mit.
Besser kann man, glaube ich, Inklusion in der Gesellschaft nicht beschreiben. Barrieren abbauen, vor allen Dingen die in den Köpfen und versuchen überall mit dabei zu sein. Da muss man viele Barrieren überall abbauen.
Da gibt es noch viele. Es ist ja ganz viel passiert in der Stadt Augsburg. Ich erinnere immer wieder gern an den Aktionsplan Inklusion, den wir am 9. Mai 2019 mit 31 Maßnahmen im Botanischen Garten der Öffentlichkeit übergeben haben.
Dazu wurde ein Rollstuhlkarussell eröffnet. Hat Manuel sich da auch daran beteiligt? Er war auf jeden Fall bei einem Tag mit dabei. Er ist immer irgendwo mit dabei, denn er arbeitet ja im Behindertenbeirat.
Ein großes Thema ist bei ihm Bauen und Mobilität. Da rüttelt er uns, mich zum Beispiel, die er gut sehen kann, immer wieder wach, anders hinzuschauen. Und zu schauen, wie kann man teilhaben.
Das ist ein großes Thema, Teilhabe für alle in unserer Gesellschaft. Da gibt es viel zu tun, aber immer ein Stückchen näher. Ich finde es wunderbar, wenn Betroffene, so sagt man, aber ich sage immer Menschen mit besonderen Fähigkeiten und Experten in eigener Sache, wenn die mit dabei sind.
Manuel ist sehr politisch engagiert, hat sich sogar mal für einen Stadtrat aufstellen lassen. Überall in Kultur, Kunst, wo man denken kann, Mobilität, Bauen sind so seine besonderen Themen. Ich denke, er wäre sicher gerne heute dabei gewesen.
Aber es ging jetzt einfach nicht. Und deswegen, ach ja, das noch zu ihm. Sein Lachen eilt ihm immer voraus.
Das stimmt. Das war immer ein Erlebnis, wenn er den Raum betreten hat. Da kann ich mich noch genau erinnern.
Ja, also wenn man ihn auch selber vielleicht noch nicht sieht. Sein wunderbares Lachen eilt ihm immer voraus. Er ist überall tätig, wo es darum geht, dass Menschen mit Behinderungen einfach noch mehr Teilhabe und selbstbestimmter in unserer Gesellschaft leben können.
Ganz wunderbares Beispiel. Vielleicht klappt es ein anderes Mal. Ja, schauen wir mal.
Also ich schlage vor, dass wir jetzt erstmal noch Musik machen. Und diesmal von dem Fela Kuti. Das ist eine ganz spannende Musik.
Ich muss jetzt doch noch was sagen. Und zwar, was ich sehr interessant finde, ist, er ist ja der Sohn einer Frauenrechtlerin, einer nigerianischen, und zwar von Milyayo Ransamo Kuti, Jahrgang 1900. Und das Besondere an der Frau ist, sie war die erste Nigerianerin überhaupt, die einen Führerschein gemacht hat.
Und sie hat auch eine Gewerkschaft für Lehrerinnen und Lehrer gegründet. Also auch schon ein rebellisches Gen, die Dame. So, Lena, was hast du denn so in letzter Zeit in deinem Arbeitsbereich gemacht, was jetzt so inklusive Kulturangebote angeht? Ich habe davon gehört, dass ihr so tolle Fahrräder habt.
Ja, bei der Behindertenseelsorge haben wir jetzt richtige Parallelcandems angeschafft. Das muss man sich mal vorstellen. Sogar mit einer Corona-Trennscheibe, die wir hoffentlich jetzt nicht mehr brauchen.
Und ich finde einfach im Miteinander unterwegs sein, im Bewegungssein miteinander was machen, da kann so ein bisschen was von dem, was Inklusion bedeutet, durchscheinen. Und was haben wir gemacht? Einfach Menschen eingeladen, mit uns eine Radlcourt zu machen. Und da kamen tolle Sachen zusammen.
Menschen mit und ohne Behinderung sind miteinander unterwegs. Und wo seid ihr da so lang gefahren? Wir sind am Lech entlang gefahren, nach die Haupten. Aber wir haben ein großes Ziel.
In Etappen wollen wir nach Trier radeln, und zwar immer an den schönen Flüssen entlang. Am Main, an der Mosel, an der Tauber. Immer mal wieder mit dem Zug fahren? Zurück vielleicht mit dem Zug, aber hinfahren.
Ach so, so eine richtig lange Reise? Nein, keine lange Reise, sondern jedes Jahr eine Etappe. Sonst ist es zu viel. Es fahren wirklich unterschiedlichste Fahrräder mit, muss man sagen.
Genauso wie die Menschen, die dabei sind. Es sind bunte Fahrräder. Wir haben ganz normale Tandems.
Dann fahren E-Bikes mit. Ich dürfte dieses Mal bis zur Haupten auch mit so einem Parallel-Tandem unterwegs sein. Man sitzt nebeneinander.
Und was toll ist, man kann den Bedarf so ausrichten, dass jeder mitmachen kann. Wer mittreten kann, kann mittreten. Wer nicht kann, stellt seine Beine auf ein kleines Bett.
Wie beim Tretboot. Genau, wie beim Tretboot. Wir hatten so viel Glück mit dem Tag, mit der Sonne, mit dem Essen, mit den Menschen.
Wir waren eine schöne Gruppe von zwölf Leuten, die da unterwegs waren. Wer war da so dabei? Was für Menschen sind das, die dann mitkommen? Ja, das sind jetzt in den Parallel-Tandems auch Menschen mit einer Sehbehinderung, blinde Menschen. Oder eben mit einer kognitiven Einschränkung, die sagen, ich komme vielleicht mit meinem Dreirad.
Bei euch, da kann ich so fahren, wie ich es brauche. Das ist ja jetzt bei normalen Gruppen vielleicht nicht so der Fall. Aber bei uns, wir sagen, jeder nach seinem Bedarf.
Da kann man ein bisschen langsamer sein, wird auf den Langsamsten in der Gruppe geschaut. Das war jetzt, jetzt haben wir aber schon wieder ein neues Projekt. Ja, und zwar? Große Reise.
Am Sonntag geht es nach Venedig, mit 30 Menschen unterschiedlichsten Fähigkeiten. Mit dem Zug. Mit dem Zug fahren wir dieses Mal, ja genau.
Aber du bist ja nicht das erste Mal in Italien, oder, mit einer Reisegruppe? Nein, vor Corona in Venedig, in Rom. Wir denken uns jedes Jahr was anderes aus und sind da auch sehr dankbar, weil wir auch immer noch sehr, sehr gut von der Aktion Mensch unterstützt werden, weil die sagen, ja, genau das ist Impulsion, bunt unterwegs zu sein. Jeder kann mitmachen, jeder kann dabei sein.
Ich würde am liebsten mitfahren. Ja, vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit, würde mich freuen. Jetzt natürlich nicht, aber wir haben schon nächstes Jahr auch wieder geplant.
Verschiedene Ziele. Ja, du, ich schlage dir vor, ich spiele jetzt mal wieder ein Stück, und zwar Nina Simone, I Put a Spell on You. Sehr gut.
Und der Song ist eigentlich von Screaming Jay Hawkins, von, meine Güte, schon ganz alt, 1965. Jeder kann mitmachen, jeder kann dabei sein. Du, Susanne, ich hätte jetzt Lust, mit dir noch was zu spielen.
Aha. Ich habe da was mitgebracht. Percussion? Das nehme ich jetzt auch mit nach Venedig, weil da kannst du jetzt vielleicht in der Jahreszeit auch mal reden, und dann spielen wir das.
Wahrscheinlich noch nie gesehen. Ja, jetzt musst du mal beschreiben, was das ist. Ganz oft gespielt, nämlich ich habe ein Memory mitgebracht.
Ein Hör-Memory? Ein Hör-Memory. Ach, ist das toll. Das sind kleine Döschen, und da sind unterschiedliche Geräusche drin.
Und natürlich, wie beim normalen Memory, müssen irgendwann zwei zusammenpassen. Und wer am meisten gefunden hat, gehört hat, der hat gewonnen. Das ist aber total hübsch gemacht.
Der totale Renner bei unseren Reisen, jeder mag mitspielen. Also man muss das jetzt mal beschreiben, das sind, wer es noch kennt, so von früher gab es doch so Filmdosen, so kleine, schwarze, runde Filmdosen. Das sind solche Filmdosen wahrscheinlich.
Und die haben einen wunderschönen, aus Buchenholz gefertigten Deckel, ganz schön zum Anfassen auch. Das heißt, es sind unterschiedliche, ja, was ist da drin? Reis, Sand, Erbsen, keine Ahnung. Kleine Kugeln.
Aber ich glaube, das hat was, gell? Eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung auch. Also es ist etwas ganz Spezielles, dieses Hör-Memory. Und einfach so, wie es ganz viele Hilfsmittel für Menschen mit Sehbehinderung gibt.
Also da interessiert mich jetzt aber auch noch diese kleine Schreibmaschine, die du da mitgebracht hast. Die hat ja nur so, wie viele, sechs Tasten? Oder sieben, sechs Tasten? Ah, warum hat die sechs Tasten? Weil es einen Mann vor 210 Jahren gab, nämlich Louis Breil, der selber durch einen Unfall eine starke Sehbehinderung bis hin zur Erblindung bekam und als Junge dann gesagt hat, ja, wie soll ich jetzt weitermachen? Ich kann nicht lesen, ich kann nicht schreiben, und hat die sogenannte Breilschrift, die aus sechs Punkten besteht, erfunden. Und bis heute wird sie weltweit verwendet.
Natürlich, die digitalen Medien haben die auch abgelöst. Und das, was ich dabei habe, ist eine sogenannte Blindenschreibmaschine, die bis vor wenigen Jahren tatsächlich von jedem blinden Menschen noch bedient werden konnte. Du hast mir die ja schon mal gezeigt.
Heute ist es ein bisschen anders. Ich habe versucht, die mal zu erlernen. Man muss natürlich erst einmal das Alphabet kennen.
Ja, man muss die sechs Punkte kennen. Die sechs Punkte, die jeden Buchstaben ausmachen. Und deswegen hat die auch sechs Tasten.
Man kann für jeden Punkt sozusagen eine Taste betätigen. Und dann gibt es eine Prägung im Papier. Und mit einer siebten Taste rutscht man das weiter, also an die nächste Stelle sozusagen.
Ja, habe ich mal ausprobiert, meinen Namen zu schreiben. Hat ungefähr eine halbe Stunde gedauert. Ja, genau.
Als Sehender kann man diese schwer ausschauende und fast wie Geheimschrift ausschauende Blindenschrift einfach erlernen. Man muss sich halt das merken können. Aber für Menschen, die blind sind, ist es sehr wichtig, gerade für Menschen, die geburtsblind sind, wo es Gott sei Dank heute immer weniger gibt, und trotzdem sagt man in den Schulen, bitte erlernt die sogenannte Blindenpreilschrift.
Macht das, weil das ist für das Gehirn und für alles ganz wichtig. Das ist ja so, wie wenn wir jetzt auch eine Zeitung mit dem Papier lesen. Genau.
Also, hat ja was Tolles erfunden, der Louis Braille. Ja. Hallo.
Ja, inzwischen ist Miriam eingetroffen. Miriam Hartmann. Hallo, Miriam.
Hallo, Susanne. Ja, wir freuen uns schon sehr auf die nächste Stunde mit dir. Und zwar wollen wir uns ja mit dir unterhalten über Walk of Fame.
Was steckt dahinter? Also ein Audiowalk. Du bist da ja maßgeblich auch mit dran beteiligt. Und ja, aber vielleicht erst mal zu dir.
Also du machst Schauspiel, du bist im Hörproduktionsbereich eben tätig, studierst auch noch, was ist, wie heißt das? Interaktive Medien an der Fakultät für Gestaltung, richtig. Genau. Stadtführerin, oder?
Ja, auch.
Also bin ja mal gespannt, was jetzt alles noch heute noch zutage kommt. Aber jetzt der Walk of Fame, ja. Ihr wollt mit dem Projekt die Geschichte der Stadt umschreiben, ein Stück weit habe ich so gelesen.
Es geht um ein neues Wissen und Updates über die Kolonialzeit, also in die ja auch Augsburg verstrickt war, also Augsburger Kaufmannsfamilien verstrickt waren. Und dieses F, also das heißt nicht Walk of Fame, wie es in Hollywood ist, wenn man das übrigens in die Suchmaschine reingeht, landet man natürlich sofort in Hollywood. Nein, es sind zwei F und es meint ja, das ist nicht ein Schreibfehler, sondern das ist ja, man begibt sich heraus oder man killt das oder tillt das.
Genau, postkoloniale Geschichte und struktureller Rassismus. Was habt ihr da für ein Projekt? Was braucht, warum brauchen wir das in Augsburg? Jetzt hast du ja ganz schön ausgeholt, so viel Informationen, die du jetzt in deine Anmoderation gepackt hast. Ich würde es mal kurz auseinander friemeln.
Also wir, das ist in dem Fall ich und das freie Theaterensemble, bei dem ich schon seit 2017 engagiert bin, das ist Blue Spots Productions, das sollte Augsburgern auf jeden Fall ein Begriff sein. Und mit Walk of Fame haben wir einen zweiten Audio Walk geschaffen, aus dem Hause Blue Spots Productions und der erste hieß Memory of Switch. Also hat es schon so ein bisschen Tradition, dass man ein Off mit reinnimmt, aber das Off von Ablegen, Loswerden in unserem Fall.
Also wir haben eine schillernde, glamouröse Geschichte in Augsburg, schon ewig lang der Ruhm der Kaufmannsfamilien, der Fugger und der Welser. Und es geht eben darum, die andere Seite mal ein bisschen zu beleuchten. Und deswegen, to walk of something, ist sich etwas von der Seele laufen, also den Kopf freimachen beim Spazieren und daher kommt der Name.
Und ich kann mir vorstellen, wie seid ihr darauf gekommen? Also es gab ja eine Diskussion um das Fugger und Welser Museum und um die Darstellung der glorreichen Geschichte eben oder der Errungenschaften oder der, ja was immer, die Leistungen der Fugger und Welser und das wurde ja stark kritisiert. War das auch für euch dann ein Anlass, das dann auch aufzugreifen oder wie kam es dazu? Ja, also diese kolonialkritischen Stimmen, die sind ja in letzter Zeit immer öfter zu hören, auch wenn sich das gar nicht so zeigt, zum Beispiel bei der Umbenennung des 3M Hotels, das jetzt Maximilians Hotel heißt. Da ging das durch die Zeitung und kam in die Köpfe der Augsburger und auch weiter hinaus.
Aber tatsächlich kam der Anlass, den Walk of Fame zu machen, von einer, ja von einem, von den Schreibern eines Blogs, kann man sagen, also von einer Institution, die bei der Uni Augsburg beheimatet ist und da wird schon seit einigen Jahren ein Blog betrieben, der sich, der immer wieder Texte schreibt und veröffentlicht, die sich mit den Folgen des Kolonialismus auseinandersetzt und es gibt auch von denen organisiert postkoloniale Stadtrundgänge und von der Seite wurde Bluesports angesprochen, weil man eben, vielleicht wenn man einen künstlerischen Ansatz hat, nochmal andere Leute anspricht, weil es, man geht so nah an die Wahrnehmung der Leute, dass ganz viele abblocken. Da muss man einen guten Weg finden. Man muss einen guten Weg finden, wir haben jetzt nochmal einen Weg versucht, das für das Thema zu sensibilisieren.
Genau, also da kommen wir ja schon zu dem Punkt, wie funktioniert das Ganze? Also man braucht ein Handy, man hat eine App, oder? Also wir haben da einen guten Partner gefunden, das ist Storydive. Die bieten Audiowalks in verschiedenen Städten an und man kann sich die kostenlose App Storydive herunterladen und dann findet man unter Augsburg eigentlich bisher nur diesen Audiowalk. Genau, den kostet alles nichts, man installiert sich das und dann kann man eigentlich sich die Kopfhörer aufsetzen und loslaufen.
Und die Route geht vom Rathausplatz zum? Zum Lummerland-Spielplatz, das ist das Ende. Am Roten Tor, ne? Ja, Lummerland ist ja schon, ne, Jim Knopf. Ja, genau.
War ja auch in der Diskussion, ist die Darstellung des Jim Knopf, der schwarze Junge, gerecht, also gemäß? Oder würden die Betroffenen, die Menschen, People of Color, sich auch entsprechend so darstellen wollen? Da gibt es schon eine Diskussion. Das ist eine sehr gute Frage. Also man muss ja wissen, dass wir als Bluespots, wir sind eigentlich ein weißer Haufen.
Also wir sind alle nicht betroffene People of Color. Also wir sind keine People of Color, deswegen ist es für uns immer schwierig gewesen, weil wir wollen ja keine Positionen einnehmen, die uns nicht zustehen und können deswegen, konnten eben verschiedene, ja zum Beispiel ist die, der Jim Knopf ist tatsächlich ein Thema, aber es ist, wir stellen das jetzt nicht in dem Sinne in Frage, sondern wir überlassen es eigentlich dem Hörer. Noch mal, wir geben quasi was dazu.
Es ist so eine Art Augmented Reality im Kopf, weil man hat sein Bild und man denkt an die Puppenkiste und an Michael Ende vielleicht noch und an Lummerland, aber plötzlich kommt ein neuer Aspekt dazu. Dann lass uns das doch mal hören, wie das funktioniert. Du hast ja ein Beispiel mitgebracht.
Ja. Und da geht es um das Museum. Sag ich schon wieder Museum? Sagst ja wieder Museum, Maximilians Hotel.
Maximilian, der Anfang ist ja gleich. Ja, ist das Gleiche. Ja, ich spiele mal was ein.
Die drei Büsten an der Häuserfassade? Sie sind schön, oder? Herrschaftlich und edel sehen sie aus. Und? So wie das ganze Hotel. Fühlt sich wohl dabei? Früher hieß es drei Mohren.
Der Legende nach sollen um 1495 drei abessinische Mönche nach Augsburg gekommen sein. Aufgrund eines besonders harten Winters konnten sie die Heimreise nicht antreten. Gastwirt Konrad Minner bot ihnen den Winter über ein Quartier an.
Laut Jana Baldus von der Steigenberger Hotels AG stehen die drei Mohren im Wappen des Hotels symbolisch für Gastfreundschaft und Toleranz. Warum dann die Umbenennung, fragst du? Das M-Wort ist eine Fremdbezeichnung. Eine Zuschreibung, die mit negativen Eigenschaften verbunden ist.
Im Gegenzug dazu ist der Begriff Person of Color oder Schwarz eine Eigenbezeichnung. Schwarz mit großem S, da es sich nicht auf die Hautfarbe, sondern auf eine soziale Kategorie bezieht. Es geht also darum, dass die Menschen ihre eigene Geschichte schreiben dürfen.
Und obwohl die drei Büsten vielleicht sehr schön aussehen, bildete das Logo drei Köpfe ab, die mit groben Gesichtsstrukturen, Afro und dicken Lippen eine klassisch rassistische Darstellung verfolgten. Lange setzten sich AktivistInnen für die Umbenennung ein, aber das Hotel berief sich auf seine große Tradition, bis die Schauspielerin Sidonie Smith 2019 mit ihrem Facebook-Post für eine öffentliche Debatte sorgte. Sie wurde für das Musical Jesus Christ Superstar engagiert und sollte im damaligen 3M untergebracht werden.
Sie blieb 15 Minuten, und es hätten ihr auch fünf gereicht, aber sie wollte das Personal über ihre Gründe informieren. Deren Antwort? Es hat Tradition. Ja, Rassismus hat Tradition.
Ich habe noch nie so schnell aus einem Hotel gecheckt in meinem Leben. Von Check-in bis Peace-Out in 15 Minuten. Es hätten fünf gereicht, aber wir haben einen Pit-Stop gemacht, um die Concierge zu unterrichten.
Seine Antwort? Nun, es hat Tradition. Ja, Sir. Ja, es hat Tradition.